Mehrhirn-Denken macht mehr Sinn

5 Min. 15.03.2017

Warum Sinnstiftung keine pastorale Sonntags beschäftigung ist, erklärt der Organisationsberater Torsten Meiffert im Gespräch mit Lisa Kratzer.

Welche Bedeutung hat Sinn für den Erfolg von Unternehmen?

Torsten Meiffert: In Zukunft wird Sinn bedeutender werden, weil sich Menschen immer häufger fragen, welchen Beitrag ein Unternehmen zum Gemeinwohl liefert. Das beste Beispiel dafür ist der Diesel-Skandal bei VW, wo es innerhalb eines bestimmten Kontextes – zynisch gesagt – durchaus sinnvoll sein konnte, Abgaswerte zu manipulieren. Vor dem Hintergrund anderer Kontexte war dies jedoch eine sinnlose und falsche Entscheidung. Deshalb sollten Unternehmen künftig an der Kategorie Sinn orientiert sein: Wie können wir unterschiedliche Kontexte und deren Anforderungen in Balance bringen, statt Auswirkungen in anderen Kontexten zu verdrängen?

Wie defnieren Sie Sinn überhaupt?

Sinn gibt es nur in Beziehungen. Der Organisationsforscher Karl E. Weick hat einmal gesagt: „Sensemaking is about how to stay in touch with context.“ Also innerhalb eines bestimmten Kontextes ergeben Handlungen und Entscheidungen entweder Sinn oder eben nicht.

Wer ist für Sinn und Sinnstiftung verantwortlich?

Zuerst jeder Mensch selber. Aber in Unternehmen sollten Führungskräfte Raum dafür geben, miteinander über Sinn und Sinnstiftung zu sprechen, und das nicht als pastorale Sonntagsbeschäftigung abtun.

Scheuen Führungskräfte davor zurück, den Kontext zu erklären, der zu einer Entscheidung geführt hat?

Ja, es wird aber auch immer schwieriger. Denn heutzutage geht es um Kontextvielfalt, also: „Sensemaking is about how to stay in touch with a variety of contexts.“ Natürlich ist es sinnvoll, innerhalb des Kontextes unternehmerischen Erfolgs diese und jene strategische Entscheidung zu treffen. Im ökologischen Kontext jedoch ergibt manche Entscheidung keinen Sinn. Worum es in Zukunft immer mehr gehen wird, ist, sich diesen Widersprüchen zu stellen, die Unterschiedlichkeit von Kontexten auszubalancieren und festzustellen: Welche Folgen wird unsere unternehmerische Entscheidung in gesellschaftlichen und ökologischen Kontexten haben? Und all das muss man dann noch miteinander in Verbindung bringen.

Zwingt diese Komplexität Unternehmen zum Umdenken?

Zunehmend ja. Doch meistens fragen wir uns nur: Was können wir effzienter, besser machen? Aber wir stellen die Grundregeln des Kontextes, in dem wir agieren, nicht infrage. Der Organisationsberater Chris Argyris hat den Begriff der defensiven Routinen geprägt, die uns daran hindern, die Sinnfrage aus anderen Kontexten heraus zu stellen. Defensive Routinen wären: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ oder: „Das sind eben die Spielregeln. Daran kann man nichts ändern.“ Besser, man versucht selbst, sich aus unterschiedlichsten Perspektiven heraus zu fragen: Ist das für uns das Richtige? Tut uns das gut? Ist das für uns sinnvoll?

Das ist ein langer Prozess und in defensiver Routine würde man sagen: „Dafür haben wir überhaupt keine Zeit.“ Natürlich brauchen wir in Organisationen häufg schnelle Entscheidungen. Wir sollten uns aber auch Off-Side-Meetings gönnen, um Mehrhirn-Denken zu praktizieren, wie Fritz Simon das genannt hat. Momentan ist ja leider der Trend populär, Komplexität in Ökonomie und Politik immer mehr zu reduzieren. Es wird versucht, die unterschiedlichsten Perspektiven und Diversity draußen zu lassen und es sich rund um die blinden Flecken der Aufmerksamkeit gemütlich zu machen. Das wird auf Dauer nicht funktionieren. Im Übrigen ist der andere Weg auch viel spannender und kreativer.

Wie häufg wird im Training oder in der Beratung Sinn zum Thema?

In Einzel-Coachings manchmal explizit: „Ich weiß nicht, ob das, was ich tue, tatsächlich sinnvoll ist.“ Im Training eher indirekt, wenn über Leitbilder, Mission oder Vision des Unternehmens gesprochen wird. Man fragt sich: „Was für einen Stellenwert hat das alles für uns und unsere tägliche Arbeit? Sind das nicht nur hohle Phrasen?“ Und dem Sinn als Quelle der Eigenmotivation kommt man mit einer schön saloppen Frage, frei nach Management-Berater David Allen, auf die Spur, die man sich täglich stellen sollte: „Was lasse ich in mein Leben?“

Wie sollen Unternehmen damit umgehen?

Wenn ein Unternehmen an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern interessiert ist, die ihre Kompetenzen, ihre Fähigkeiten, ihre Werte miteinbringen, ist es wichtig, Sinnangebote zu schaffen. Es geht darum, unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche auszubalancieren. Die Generation Y ist sowohl an Karriere als auch an Lebensqualität interessiert. Ein Angebot hier wären beispielsweise Führungs-Tandems. Damit würde man 2 Bedürfnisse, 2 Werte berücksichtigen – und nicht, wie sonst oft, gegeneinander ausspielen, unter dem Motto: Entweder Karriere oder Familie und damit Teilzeit.

Was brauchen wir also, um uns der Sinnfrage zu stellen?

Organisationen sollten Mehrhirn-Denken praktizieren und eine gemeinsame Aufmerksamkeit für unterschiedlichste Perspektiven und Kontexte erzeugen. Auf der persönlichen Ebene sollten wir dafür aber aushalten können, dass Entscheidungen schwerer fallen, wenn wir unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Manches mag in dem einen Kontext eben sinnvoll erscheinen, in einem anderen aber nicht. Wir müssen lernen, mit diesem Widerspruch umzugehen. Unsere Werte können hier Wegweiser für Entscheidungen sein: Was ist uns kurzfristig wichtig? Was mittelfristig? Und was langfristig? Und was gibt uns kontextübergreifend Orientierung?


Torsten Meiffert, studierter Germanist und Philosoph bildete sich in Organisationsentwicklungsberatung, systemischer Beratung, Gruppendynamik u.a. weiter. Er war lange Jahre in Journalismus und PR tätig, arbeitete als interner Trainer und Berater für Führungskräfteentwicklung und Organisationsentwicklung in einem internationalen Industrieunternehmen und ist seit 1995 freiberuflich tätig. Seine Schwerpunkte  liegen u.a. in der Begleitung und Beratung von Veränderungsprozessen in Organisationen, im Coaching (auch von Teams) und in der Reflexionszeit für Managerinnen und Manager.


Dieser Artikel ist im Hernsteiner 1/2017 erschienen. Unser Magazin stellt sich die Frage nach dem Sinn in der Arbeitswelt. 

Neugierig geworden? Abonnieren Sie unser Magazin Hernsteiner gleich hier.