Gute Nachrichten: Wie Führungs­kräfte von Journa­listen lernen können

5 Min. 09.12.2015

„Only bad news are good news.“ Diese vermeintliche Faustregel hat im 21. Jahrhundert ausgedient. Zumindest sieht das der erfahrene dänische Journalist Ulrik Haagerup so. Er fordert einen völlig neuen Ansatz: einen Journalismus, der sich für das Gute begeistern kann und auf das Wohl der Gesellschaft ausgerichtet ist. Haagerup und seine Vision der „Constructive News“ finden immer mehr Anhänger und Anhängerinnen in der Medienbranche. Führungskräfte können viel von dieser Idee übernehmen. Wie wäre es mit „Constructive Leadership?“

Haagerup hat wie viele andere Rezipienten und Rezipientinnen festgestellt, dass unsere Medien häufiger, leichter und lieber über Konflikte und Probleme berichten als über Lösungen und Innovationen. Konflikte sind auffallender und leichter zu identifizieren und zu beschreiben. Außerdem setzen sich Journalisten und Journalistinnen bei der Beschreibung von Krisen und Kontroversen nicht dem Verdacht aus, Werbung, PR oder Schönfärberei zum Opfer gefallen zu sein. Das Problem bei dieser Problembeschreibung: Das Publikum mag es nicht. Es wünscht sich mehr Alternativen, mehr Lösungsorientierung, mehr Ausgewogenheit. Die Konsequenz: Die Auflagen sinken ebenso wie das Ver- und Zutrauen in die journalistischen Akteurinnen und Akteure. Aber diese Abwärtsspirale kann aufgehalten werden. Ulrik Haagerup ist überzeugt, dass konstruktive und positive Nachrichten den Journalismus retten und die Welt verändern können: „Wir müssen den Mut haben, unser Selbstverständnis als Journalisten zu justieren. Wir gewinnen dadurch eine aktivere Rolle in unserer Gesellschaft, werden zu einer Art Schiedsrichter und Vermittler in öffentlichen Debatten.“

Konstruktive News sind gute News

Constructive News wollen die Perspektiven der Berichterstattung zurechtrücken, damit mehr Geschichten über konstruktive Initiativen, Projekte und Bewegungen erzählt werden können. „Wir werden weiterhin Probleme klar benennen, aber auch aktiv nach Geschichten suchen, die zu ihrer Lösung beitragen“, sagt Haagerup. Und viele führende Blätter und Sender folgen seinem Beispiel und experimentieren auf unterschiedlichste Art und Weise, um mehr „Constructive News“ bei der Themenauswahl zu berücksichtigen – so zum Beispiel „Die Zeit“, „Der Spiegel“, die „Huffington Post“ oder der ORF. Dabei geht es nicht darum, mehr Platz und Aufmerksamkeit für niedliche Katzenbildchen oder lustige Kinderverse zu schaffen. Auch die Investigativressorts, die in vielen Redaktionen gerade in jüngster Zeit aufgebaut und gestärkt worden sind, sollen in ihrer Arbeit nicht beschränkt werden. Nach wie vor bleibt es eine der Hauptaufgaben des Journalisten oder der Journalistin, wachsam zu sein und kritische Fragen zu den Problemen in unserer Gesellschaft zu stellen. Aber, so der Appell Haagerups an seine Journalistenkollegen und -kolleginnen: „Wir sollten uns zutrauen, zu ihren Lösungen beizutragen, und den Verantwortlichen dafür möglicherweise auch einen Rahmen bieten.“

Konstruktive Führungskräfte sind gute Vorgesetzte

Haagerup bleibt seinem eigenen Anspruch treu und zeigt Wege, wie Journalistinnen und Journalisten ihre Berufskrankheit Destruktivismus ablegen können. Dazu blickt er nicht nur auf Themenpläne, Ressorts und Schlagzeilen, sondern betrachtet auch die Organisation, die Kultur und den Führungsstil in den Redaktionen. Vor allem dann wird es interessant, wenn der Journalist und Selfmade-Führungsexperte zusammenfasst, welche Erkenntnisse und Schlüsse er aus der Lektüre bekannter Motivationspsychologen wie Daniel Goleman („Emotionale Intelligenz“), Frank J. Barrett („Appreciative Inquiry“) und Barbara Frederickson („Positivity“) gewonnen hat. Mit einfachen Worten beschreibt er, wie eine Führungskraft die „Griesgrämigkeit als Selbstzweck“, die er in vielen Redaktionen ausgemacht hat, bekämpfen kann. Gefragt sind „konstruktive Chefinnen und Chefs“, die authentisch, offen und begeisterungsfähig sind, eine positive Einstellung haben und auch mit Personen gut zusammenarbeiten, die ganz anders sind als sie. Und das gilt beileibe nicht nur für die Medienbranche.

Führungskräfte können viel vom Constructive-News-Ansatz lernen:

  • Beobachten Sie die Welt der Nachrichten und registrieren Sie die Balance zwischen konstruktiver und rein negativer Berichterstattung – und prüfen Sie, was in Ihnen beim Lesen dieser Nachricht vorgeht.
  • Etablieren Sie eine Kommunikationskultur, die in Präsentationen, Statusberichten etc. nichts beschönt und nichts verschweigt – und dennoch immer auch einen bestimmten Anteil an Zeit und Aufmerksamkeit für Ideen und Lösungsansätze reserviert.

Achten Sie auf Verschiedenheit in Teams und Abteilungen. Unterschiedliche Menschen finden unterschiedliche Lösungen.