Kurt Lewin: Gruppen­dynamik, Kraftfeld­analyse und viel, viel mehr

5 Min. 28.09.2015

Vor 125 Jahren wurde Kurt Lewin geboren – sein Werk und Wirken bleibt aktuell

Sind Sie schon einmal durch eine Kurt-Lewin-Straße gefahren oder haben einen Kurt-Lewin-Platz überquert? Vermutlich nicht allzu oft. Der große Sozialpsychologe hat viel mehr zu unserem Verständnis von Gruppen, Wandel und Führung beigetragen, als uns bewusst ist. Im September jährt sich sein Geburtstag zum 125. Mal.

 

Wenn Freud der große Kliniker unter den Psychologen des 20. Jahrhunderts gewesen ist, dann war Lewin der große Experimentator. „Es gibt nicht Praktischeres als eine gute Theorie“ lautet das bekannteste Zitat aus seiner Feder. Nach diesem Motto hat Lewin mit seinen Experimenten nicht nur die Theorie der Sozial- und Gestaltpsychologie, sondern auch unser Denken und unsere tägliche Arbeit bestimmt. Der Vater der „Gruppendynamik“ zeigte uns mit seinem Denken, wie Gruppen arbeiten, lernen und Entscheidungen treffen. Seine „Kraftfeldanalyse“ wird heute noch gerne zur Analyse und Planung von Change-Projekten herangezogen. So wirken seine Experimente und seine Erkenntnisse weit in unser Jahrhundert und in unseren Alltag. Vielleicht noch anregender und ermutigender ist Kurt Lewin in seiner Forscherpersönlichkeit: Seine Neugierde, die Weite seines Denkhorizonts und sein Gespür für gute Fragestellungen imponieren noch heute.

Aus der Elektrotechnik entlehnt: T-Gruppe und 3-Phasen-Modell für Veränderungen

Die Aufforderung „Gib mal Feedback“ ist längst zur Floskel in Training und Management geworden. Was kaum jemand weiß: Es war Kurt Lewin, der den Begriff aus der Elektrotechnik in die Sozialwissenschaften transferiert hat. Das Feedback wie die „T-Gruppe“ (= Trainingsgruppe) oder das 3-Phasen-Modell für Veränderungen (Auftauen – Bewegen – Einfrieren). All diese Ideen und Modelle sind uns durch Studium, Training und Coaching so geläufig, dass wir sie nutzen und weitergeben, ohne dass wir uns immer ihres Urhebers bewusst sind. Kurt Lewin ist kein Superstar der Psychologie, kein Held der Organisationsentwicklung, keine Bezugsfigur für Führungskräfte, kein Namenspatron für Straßen, Plätze und Schulen. Das mag daran liegen, dass er ein Grenzgänger in mehrfacher Hinsicht gewesen ist. Der in Polen geborene Deutsche emigrierte 1933 in die USA, seine Forschung lässt sich in eine „deutsche“ und eine „amerikanische“ Phase einteilen, das erschwert den Zugang zu den Werken, die sich ohnehin nicht als leichte Lektüre anbieten.

Geduldiges Lernen für neue Organisationskulturen

Die Gruppendynamik und mit ihr Lewins Wissenschaftsansatz des „Action Research“hatten ihre weltweite Hoch- und Blütezeit in den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Und wer einmal ein 5-tägiges „pures“ Gruppendynamikseminar erlebt hat, kann von den Lernerfahrungen noch viele Jahre zehren. Heute, im Zeichen der Kurz-Workshops und 30-Minuten-Webinare, erinnern uns die mehrtägigen Gruppendynamikseminare an eine Zeit und an ein Bildungsverständnis, das unter Lernen mehr subsumiert als die Aneignung von Skills und Techniken. Genau dieses Denken wird wieder erstaunlich aktuell werden, wenn mehr und mehr Unternehmen sich für neue demokratische und konsensorientierte Organisationsmodelle öffnen. Spätestens dann wird es (wieder) spannend, Kurt Lewin zu lesen. Seine Adjektive „autokratisch“, „demokratisch“ und „laissez faire“ zur Beschreibung von Führungsstilen haben wir alle irgendwann schon einmal gehört. Kurt Lewin hat damit aber nicht nur Führungsstile beschrieben. Er sprach von demokratischen oder autokratischen „Atmosphären“ – und hatte also nicht nur die einzelne Führungskraft, sondern immer auch Gruppen und Organisationen im Blick. Allen Change-Managern und Change-Managerinnen als auch Führungskräften, die ihrer Organisation mehr Beteiligung und Mitbestimmung zukommen lassen möchten, sei Geduld und die Lektüre Kurt Lewins geraten. In einem Aufsatz von 1939 schrieb er:

„Natürlich braucht es etwas mehr Zeit, um die Demokratie zu etablieren als die Autokratie. Der demokratische Lebensstil erwartet von jedem Mitglied aktive Teilnahme. Die Mitglieder müssen daher diesen Stil erfahren und ein Gefühl erwerben, wie damit umzugehen ist, bevor er richtig etabliert ist. Außerdem hängt die Demokratie viel mehr von jedem ihrer Mitglieder ab: Eine Person außerhalb der Reihe kann mehr Schaden für die ganze Atmosphäre anrichten als in der Autokratie, wo die Individualität der Mitglieder weniger wichtig ist.“

An Aktualität hat Kurt Lewin nichts eingebüßt.