Gruppen­dynamik – was macht sie so zeitgemäß?

5 Min. 15.01.2015 Mag. Irene Kari
Irene Kari und Lisa Kratzer im Interview

Warum ist die Gruppendynamik auch heute noch relevant und was genau macht sie so zeitgemäß? Lisa Kratzer gibt im Interview einen Einblick in die Programmwerkstatt des Instituts und erläutert, warum die Gruppendynamik einen zentralen Platz hat.

Gruppendynamik und das Hernstein Institut – da gibt es eine lange Verbindung?

In der Gruppendynamik liegen die Wurzeln des Hernstein Instituts. 1967 fand  das erste gruppendynamische Seminar auf Schloss Hernstein statt, damals unter dem Titel „Konferenztechnik Verhandlungstaktik“. Der Grund für den sperrigen Titel: Gruppendynamik war damals gänzlich unbekannt. Die ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren am Anfang entsetzt und empört, jedoch nach dem Training hellauf begeistert.

Was unterscheidet die Gruppendynamik von anderen Trainings?

Sehr vereinfacht gesagt werden etwa bei Konfliktmanagement eigene Konflikte aus dem Arbeitsalltag bearbeitet. Ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin bringt also einen oder mehrere Fälle aus dem Unternehmen mit und erweitert seine bzw. ihre Kompetenz hinsichtlich Bearbeitung von Konflikten. Anders bei der Gruppendynamik: Etwas provokativ formuliert kommen Teilnehmerinnen und Teilnehmer ohne konkretes Problem und lernen Phänomene zu sehen oder zu deuten, die überall dort Einfluss haben, wo Menschen zusammenarbeiten.

Was macht die Gruppendynamik auch heute noch so zeitgemäß?

Die Gruppendynamik ist zeitgemäßer denn je, denn die menschlichen Grundbedürfnisse wie etwa Macht und Einfluss, Vertrauen oder das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ändern sich ja nicht. Aber anders als noch vor ein paar Jahrzehnten sind Unternehmen heute auf mehr als nur Rollenerfüllung angewiesen. Von Führungskräften wird erwartet, dass sie erfolgsorientiert und motivierend führen. In Unternehmen laufen unzählige Meetings unbefriedigend ab, werden Projekte erfolglos abgeschlossen und  Konflikte zwischen Abteilungen auf Kosten des Geschäftserfolgs ausgetragen oder öfter noch: nicht ausgetragen. Häufig wird darauf mit einer fatalistischen Haltung reagiert, aber wer kennt nicht auch Führungskräfte, die anscheinend leichter als andere Meetings und Projekte zu einem guten Erfolg führen können und lösungsorientiert sind? Sie verfügen über ein Sensorium für die Wirkung menschlicher Grundbedürfnisse in Gruppen und können diese dadurch kompetent steuern und effizient führen.

Wer Absolventinnen und Absolventen zu ihren Eindrücken befragt, bekommt oft die Auskunft, dass sie noch nie in einem Seminar so aufgewühlt wurden und so viel über sich selbst und andere erfahren haben. Warum ist es so schwer zu beschreiben, was im gruppendynamischen Training geschieht?

Zum Mythos Gruppendynamik gehört auch die oft gehörte Feststellung: Man muss es erlebt haben. In der T-Gruppe wird ein Keim gelegt, der sich nach und nach entfaltet. Die Gruppendynamik sei die prägendste Trainingserfahrung seines Lebens gewesen, berichtet ein Absolvent, sie habe sein Handeln als Führungskraft nachhaltig verändert. Das passiert natürlich nicht nach dem Prinzip des Nürnberger Trichters, sondern durch eine profunde Irritation, die die Wahrnehmung für Gruppenprozesse schärft. Die Irritation entsteht durch das Bearbeiten von Vorgängen zwischen Menschen, die im Arbeitsalltag wenig explizite Beachtung finden. Anders als bei den meisten anderen Trainings ist die Inkubationszeit sehr lang. Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichten, dass der Nutzen immer deutlicher wird, je länger das Training zurückliegt. Im Training beginnt das anfängliche  Erkennen und Wahrnehmen von gruppendynamischen Vorgängen. Wieder zurück am Arbeitsplatz erkennt man diese Vorgänge nach und nach in ganz konkreten Situationen wie Meetings, Verhandlungen zwischen Abteilungen oder bei Nachbesetzungen wieder.