Systemisch führen – was ist das überhaupt?

5 Min. 04.06.2012 Dr. Lisa Kratzer, MAS

Die Beschäftigung mit unserem Jahresthema „Spannungsfeld Führung“ hat mich motiviert, 8 Punkte zu formulieren, die ich als vorläufige Anregungen zum Nachdenken über systemisches Führen versanden wissen will.
Ich würde mich sehr über Kommentare und Ergänzungen freuen.

Systemisch führen heißt …

1. Kommunikationsarchitekturen schaffen

Kommunikation ist heute wichtiger denn je. Nicht nur das Was, auch das Wie ist wichtig. Kommunikationsarchitekturen entscheiden, wie kommuniziert und kooperiert werden kann.  Kommunikationszentren wie z. B. die gute alte Kaffeeküche, aber auch virtuelle Räume u. ä. m. fördern die Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden und häufig werden gerade an solchen Orten Lösungen für offene Fragen entwickelt oder neue Ideen geboren. Persönliche Kommunikationskompetenz kann geschult und durch reflexive Praktiken laufend verbessert werden.

2. Kompetent entscheiden

Die rasanten Entwicklungen im Markt machen das Entscheiden für Führungskräfte immer schwerer. Kompetent zu entscheiden bedeutet, dass Führungskräfte wissen, dass Entscheidungen nie zweifelsfrei und zudem häufig unter hohem Zeitdruck zu treffen sind. Es hätte immer auch anders gehen können, manchmal trifft man falsche Entscheidungen, weil man ja erst im Rückblick mit einiger Sicherheit beurteilen kann, ob es gut geworden ist. Das erfordert Mut und einen beherzten Umgang mit Widersprüchen. Wichtig ist auch im Bewusstsein zu halten, dass Konflikte unvermeidlich sind, weil sie Entscheidungsnotwendigkeiten aufzeigen.

3. Chancen und Potenziale nützen

Das Verhalten von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist nicht direkt beeinflussbar. Es geht vielmehr darum, deren   Handlungsoptionen zu vergrößern. Eine möglichst große Übereinstimmung von Zielen der Organisation mit jenen der Person soll ermöglichen, die Menschen für die gemeinsame Aufgabe zu gewinnen. Systemisch denkende Führungskräfte erkennen Kompetenzen bei anderen, geben Zielkorridore statt punktueller Ziele vor, geben Feedback und regen zur Reflexion an.

4. Sinn vermitteln und Orientierung geben

Es ist wichtig, den Sinn der Organisation zu kommunizieren und die Möglichkeit zu schaffen, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen den Sinn des größeren Ganzen und ihres eigenen Beitrags erkennen können. Für die Klarheit über die strategische Ausrichtung ist das Top-Management der Organisation verantwortlich. Die Klarheit gibt Orientierung und stellt die „Leitplanken“ dar, innerhalb derer Mitarbeiter Lösungen für die übernommenen Aufgaben  finden können und sollen. Systemisch führen heißt also Klarheit schaffen.

5. Grenzen erkennen und wahren

Es gilt, die Erwartungen an Führung zu „entrümpeln“. Was kann und muss wer entscheiden? Wer ist wofür zuständig? Es kann klärend und entlastend wirken, wenn ManagerInnen sich den Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum ihrer aktuellen Funktion bewusst machen.  Das schützt vor permanenter Überforderung durch Aufbürden von zu viel Verantwortung (sowohl sich selbst als auch andere).  Systemisch führen heißt nicht, die bessere Expertin zu sein und alles besser als die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu können, sondern etwas anderes zu können. Die Fokussierung auf den eigenen Gestaltungsraum kann mithelfen, den subjektiv empfundenen Druck zu lindern.

6. Konsequent lösungsorientiert denken und handeln

Das gesamte menschliche Potenzial zu nützen ist wichtig für die konsequente Lösungsorientierung. Wie bei vielen anderen Kompetenzen geht es auch dabei um das konsequente Beschreiten  eines Übungsweges. „Übung macht den Meister“ – eine alte Weisheit, deren Gültigkeit unbestritten ist. Gleichzeitig wirkt die Einsicht, dass niemand alles wissen, beeinflussen und steuern kann, entlastend. Die Fähigkeit,  auf wechselnde Lebenssituationen flexibel zu reagieren und auch stressreiche, frustrierende, schwierige und belastende Situationen ohne psychische Schäden meistern zu können, wird Resilienz genannt. Führungskräfte erweisen sich dann als resilient, wenn sie Unsicherheit akzeptieren und sich  vom Wunsch, alles managen zu wollen, verabschieden können.

7. Wechseln zwischen Agieren und Reflektieren

Sowohl Organisationen als auch Führungskräfte sind auf Reflexion bestehender Problemsichten angewiesen, um aus gemachten Erfahrungen zu lernen und ihr Verhalten zu adaptieren. Selbstreflexion ist ein wichtiger Modus der Selbststeuerung und des Lernens. Es bedarf bewusst gestalteter Reflexionsräume, Zeit, Muße, „Aussteigen“. Ideal wird die Reflexion des Systems durch den Blick von außen ergänzt, denn ein System kann nicht sehen, dass es etwas nicht sehen kann (Heinz von Foerster). Es gilt, die Selbstreflexionsfähigkeit des Systems zu institutionalisieren und zu steigern.

8. Sich selbst kompetent managen

Der Begriff Selbstmanagement bezeichnet die Kompetenz, die eigene persönliche und berufliche Entwicklung weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen zu gestalten. Dazu gehören Teilkompetenzen wie zum Beispiel selbstständige Motivation, Zielsetzung, Planung, Organisation, Lernfähigkeit und Erfolgskontrolle durch Feedback. Welche Werte sind mir als Mensch und als Führungskraft wirklich wichtig? Wofür stehe ich? Worin sehe ich Sinn? Wofür will ich mich einsetzen? Wo sind meine Grenzen? Fragen wie diese, regelmäßig  gestellt und ehrlich zu sich selbst beantwortet, können dazu beitragen, auch in belastenden Zeiten die Balance zu halten und sich selbst treu zu bleiben.