Präsen­tieren will gelernt sein

5 Min. 19.05.2015 Dr. Lars-Peter Linke

Die Kehrseite der Drei-Seiten-Regel: Präsentieren will gelernt sein. Immer noch. Oder: Jetzt erst recht.

Das nennt man mediale Ironie des Schicksals. Ende März berichtete das Wirtschaftsmagazin „Bilanz“, dass der VW-Vorstand gegen den Powerpoint-Wildwuchs im Autokonzern vorgehen will. Das Generalsekretariat von Konzernchef Martin Winterkorn habe, wie man las, gefordert: „Less paper, more pepper“ – also: „Weniger Papier, mehr Pfeffer.“ Mehr Pfeffer gab es nur wenige Tage darauf: Die Auseinandersetzungen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat sorgten für ständig wechselnde Schlagzeilen, die ihren vorläufigen Höhepunkt im Rücktritt des Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch fanden. Dagegen musste die Initiative für mehr Klarheit und weniger Folien reichlich unerheblich wirken. Aber das ist sie mitnichten. Schlechte Meetings kosten Zeit und Geld; wirr und konfus verpackte Botschaften können zu fatalen Fehlentscheidungen führen. Deshalb ist die Drei-Seiten-Regel eine Initiative, die die Aktionäre und Aktionärinnen Beifall klatschen lassen sollte. Wenn sie denn auch wirklich eingehalten und umgesetzt wird …

Klare Aussage, bitte!

Laut Drei-Seiten-Regel dürfen die Vorlagen für den Vorstand nur noch höchstens drei Seiten umfassen und müssen durchgeschrieben sein. Die Unsitte, Powerpoint als „Handoutgenerator“ zu benutzen, wird gestoppt. Den Bulletpoints wird der Kampf angesagt. Ganze Sätze verlangen Logik, Stringenz, Argumentation und vor allem Mut zur klaren, verbindlichen Aussage. Herrlich.

Das Generalsekretariat des Vorstands, das die Drei-Seiten-Regel in Umlauf gebracht hat, wird aus Erfahrung und voll und ganz in eigenem Interesse gehandelt haben. Aber – wie sagen Kommunikationsprofis so oft und gerne: Eine Person quält sich immer – entweder der Autor/die Autorin oder der Leser/die Leserin. Drei Seiten Fließtext verlangen vom Urheber oder der Urheberin mehr Konzentration, Sorgfalt und Hingabe als dreimal so viele Powerpointfolien (wenn man vom lustigen Zeitvertreib der Google-Bildsuche einmal absieht). Bleibt zu hoffen, dass den VW-Managern und -Managerinnen diese Zeit auch zugestanden wird.

Analysieren, formulieren, redigieren

Verordnen lässt sich die Drei-Seiten-Regel allemal einfacher als umsetzen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir weder im mittleren noch im höheren Management die klassische Kulturtechnik des Textens und schriftlichen Argumentierens einfach so voraussetzen können. Es mag Zufall sein. Oder auch nicht: Just als die Presse über die neue Drei-Seiten-Regel berichtete, sehnte sich ein Lehrer in einem Beitrag auf „Spiegel Online“ in die gute alte Zeit des Karteikarten-Referates zurück: „Wenn sich ein Oberstufenschüler aus den Achtzigern in einen x-beliebigen Kurs von heute beamte, dann würde er vor allem über zwei Phänomene staunen. Erstens: über die Handys, auf die die Schüler ständig schielen. Und zweitens: darüber, dass vor der Klasse oft kein Lehrer, sondern ein Schüler steht, der ein Referat hält, unterstützt mit Powerpoint.“

Powerpoint verfluchen ist einfach. Drei Seiten Text einfordern ist mutig. Zum Fordern gehört aber auch das Fördern. Gefragt sind Trainings, Coachings oder andere Bildungsangebote, die ebenjenes Handwerkszeug und jene Kunst vermitteln, die Powerpoint nicht abnehmen kann: analysieren, formulieren, redigieren. Diese Techniken lassen sich nicht mit ein-, zwei- oder dreiseitigen Handouts vermitteln. Leider.