Loslassen als Führungsthema

Wir stehen mitten in einer wissenschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Revolution der Arbeit. Viele Zugänge und Methoden der Personalentwicklung, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, wirken nunmehr seltsam schnell in die Jahre gekommen.

Führung in komplexen Settings

Es stellt sich aufgrund der hochgradigen Prognose-Unsicherheit und Komplexitätssteigerung in zahlreichen Unternehmen die Frage, ob eine langfristige Planung von Führungsaufgaben überhaupt noch möglich ist. Wir werden umdenken und – noch mehr – umfühlen müssen. Führung wird zur kurzfristig gesetzten Interaktion in überkomplexen Umwelten. Was heute gilt, kann morgen falsch sein.

Weiß irgendjemand, wie lange es welche Form der EU noch geben wird? Kennt jemand die zukünftigen Rahmenbedingungen des Wirtschaftens? Wissen wir schon Bescheid über die umfassenden Implementationsfolgen des 3D-Druckers und der selbstlernenden Maschinen?

Loslassen braucht Vertrauen

Was wir als Erstes loslassen müssen, ist die Sehnsucht nach überschaubaren Drei-Jahres-Planungen. Dächten wir uns heute, dass Vertrauen gut, Kontrolle aber besser sei, so bedeutete das einen exorbitanten Anstieg des zeitlichen Aufwands von Führung, den sich kein Unternehmen leisten kann. Enttäuschtes Vertrauen ist billiger als umfassende Kontrolle. Die Ressource Vertrauen hat als Voraussetzung das Loslassen – „Ich gebe die Aufgabe in deine Hände“. Zudem lässt sich der Anteil des Führens auf Distanz nicht mehr vernachlässigen, die Mitarbeitenden sind heute weltweit verteilt. Auch diese Form von Führung geht nur über Loslassen und Vertrauen.

Loslassen ist eine zuerst in frühester Kindheit entstandene psychische Fähigkeit, sich selbst dem anderen überlassen zu können, weil man sich durch viele gute Erfahrungen in guten elterlichen Händen weiß. Dieses frühkindlich entstandene Urvertrauen wird jedes Mal aktualisiert, wenn wir als Erwachsene loslassen, delegieren, vertrauen.

Jetzt merken Sie, warum es so schwer ist, Loslassen in einem Seminar zu erlernen: weil die dahinter stehende Fähigkeit eine Ur-Ressource unserer Kindheit darstellt, die längst nicht jeder Führungskraft zur Verfügung steht. Wer in jungen Jahren Urmisstrauen empfand, wird als Erwachsener großes Kontrollbedürfnis verspüren – keine gute Voraussetzung für Führung in unübersichtlichen Zeiten.