"Ich bin eben so." – Bin ich wirklich so?

7 Min. 30.04.2020 Mag. Eva Woska-Nimmervoll

Erfahrungsbericht: Das Entwicklungsprogramm Living Leadership von Hernstein besucht nur, wer sich wirklich verändern will.

Freundlich distanziert begrüßen wir einander mit Handschlag und suchen uns einen Platz im stilvollen Seminarraum des schönen Schlosses Hernstein. So extrovertiert ich sonst bin – in neuen Gruppen fühle ich mich anfangs immer etwas unsicher. Den anderen – wir sind 7 – scheint es ähnlich zu gehen. Im Grunde wollen wir wohl alle dasselbe: einen authentischen und aufrichtigen Umgang mit unseren Mitmenschen und von ihnen verstanden werden. Wer sich hier anmeldet, ist bereit, in seinem Leben etwas zu verändern – und bei sich selbst damit anzufangen. Unser Trainer Markus Merlin erklärt uns fröhlich, ja, fast enthusiastisch das Programm. Dann geht es schon ans Eingemachte, nämlich um Sinn und Werte und wie wir mit ihnen umgehen. Markus gibt uns einen Gedanken zur Reflexion mit: "Ich bin so gut wie ich bin – vor aller Arbeit!" Nachdenkliche Gesichter. Soll das wirklich heißen, dass es für unseren Wert egal ist, ob wir etwas oder wie viel wir leisten? Dabei haben wir doch verinnerlicht: "Wer nichts leistet, ist nichts wert!" Eigentlich traurig, denke ich mir, dass ich mich ohne Leistung wertlos fühlen würde. "Mir ist schon peinlich, wenn ich einen Urlaubsantrag abgebe", outet sich Anna. Einige nicken. Das kenne ich auch: Angst vor Abwertung oder davor, schief angeschaut zu werden – und sei es nur, weil ich es mir eine Woche lang verdient gut gehen lasse. Ein gruseliger Gedanke. Was sagt das über mich aus?

"Eye Gazing" steht auf dem Plan

Wir sollen Paare bilden und dann dem oder der anderen, ohne ein Wort zu sagen, vorurteilsfrei einige Minuten lang in die Augen sehen. Markus Merlin bittet uns, jeglichen Gedanken beiseitezuschieben. In mir sträubt sich alles dagegen. Es ist so, als wäre meine Intimsphäre bedroht. Alle anderen scheinen begeistert oder zumindest bereit dafür zu sein. Soll ich jetzt dem Gruppendruck nachgeben und etwas tun, das sich schlecht anfühlt? Oder einfach Nein sagen? "Ich mag diese Übung nicht machen", schießt es aus mir heraus, bevor ich noch bewusst eine Entscheidung getroffen habe. Das erwartete Gut-Zureden fällt aus – niemand kommentiert, dass ich das Experiment verweigere. Ich bin erleichtert. Markus bittet mich nur, in der Zwischenzeit den Raum zu verlassen. Also hole ich mir einen Kaffee und habe Zeit zum Nachdenken: War es mutig von mir, Nein zu sagen, oder feig, nicht mitzumachen? Am nächsten Morgen bietet sich die Chance, die Übung nachzuholen. Jetzt bin ich mir sicher: Heute bin ich dafür bereit. Weil ich aus eigenem Antrieb meine Komfortzone verlasse und nicht, weil mich jemand dazu überredet hat. Und tatsächlich ist es dann zwar nicht einfach, aber eine interessante Erfahrung, die sich schwer beschreiben lässt. Ich bin froh, dass ich mich drübergetraut und so mehr Gespür für mein Gegenüber entwickelt habe.

Viele Fragen stehen im Raum

Woher kommt die Kraft, zu wollen? Was macht Menschen charismatisch? Wie kann man für Ratsuchende eine Hilfe sein? Es arbeitet in meinem Kopf. Dazwischen immer wieder Übungen, Gespräche. Wir schildern Situationen aus unserem eigenen Arbeitsalltag und suchen nach Möglichkeiten, die eigene Wirksamkeit zu stärken. Das macht Spaß, ist kreativ. Schön langsam lerne ich die anderen besser kennen. Da und dort finden wir Themen, die uns überfordern. Kann es andere Optionen als bisher geben, mit ihnen umzugehen? Wir begeben uns immer mehr in die Tiefe. Es fühlt sich gut an, über etwas zu sprechen, das schwerfällt – nicht nur Markus als ausgebildeter Coach und Mediator versteht mich, auch andere in der Gruppe scheinen es zu tun. In hilfreichen, auch entlastenden Rückmeldungen gehen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Erzählungen der anderen ein. Jede und jeder scheint ehrlich interessiert daran, was die anderen bewegt. Am Ende des zweiten Tages schüttelt Gerd den Kopf: "Ich glaube schön langsam, ich habe bis jetzt alles falsch gemacht." Das kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber ich weiß, was er meint. Immerhin: Verwirrung ist der Anfang einer neuen Erkenntnis.

Haltung leben

Mit den Impulsen und Reflexionen aus dem Training gehen wir am dritten Tag zurück in den Arbeitsalltag. "Haltung leben" war der Titel dieses ersten Moduls. Ich verstehe, was das bedeutet, und versuche es ab heute. Bestimmt werden sich Gesprächssituationen jetzt anders anfühlen als vor dem Training. Ob alleine das Bewusstsein über meine innere Haltung schon etwas verändert? Es ist schon auch entlastend, dass ich noch nicht wirklich was tun muss. Vielmehr kann ich jetzt erfahren, wie sich innere Klarheit auf das Miteinander in der Führung – von Gesprächen und auch Menschen – auswirkt. Wir sind in der Gruppe zusammengewachsen. Schade, dass wir uns erst in 2 Monaten wiedersehen werden. Ich bin neugierig auf die nächsten Inhalte und auch gespannt, zu erfahren, wie es uns allen während dieser Zeit ergangen ist. Was werden die anderen erzählen? Fortsetzung folgt...

(Alle Teilnehmenden haben ihre Zustimmung zur Verwertung ihrer Aussagen gegeben. Ihre Namen wurden geändert.)

Auch nachzulesen unter: www.hrweb.at/2020/05/living-leadership-hernstein/

  • Top-Management
  • Mittleres Management
  • First Level Management

Living Leadership - Haltung schafft Führung

Kennen Sie das Dilemma vieler Führungskräfte? Zu wenig Zeit und zu viele Aufgaben. Sie wollen daran arbeiten, wissen aber noch nicht genau wie? Ändern Sie die Perspektive und blicken Sie hin zum Menschen. Lernen Sie, persönliche Befindlichkeiten zurückzustellen und auf Situationen und Menschen individuell einzugehen. Schärfen Sie Ihren Blick für das Verbindende. Schaffen Sie ein Klima, in dem Schwierigkeiten und Widerstände reflektiert und besprochen werden. Erleben Sie auf Basis der Existenzanalyse, wie Sie vom Müssen ins Wollen kommen. Und erkennen Sie, dass Leadership mehr als die Summe jeder einzelnen Fähigkeit ist: eine bewusste und selbstverständlich gelebte Haltung.

  • Leadership und Führung
Video abspielen