Goodnight Leadership. Eine Gute-Nacht-Geschichte für Führungs­kräfte

5 Min. 23.02.2015 Mag. Eva-Maria Ayberk

Kennen Sie Jim Goodnight? –Nein? Dann erzähle ich ihnen kurz etwas über den Mann mit dem einprägsamen Namen und einer außergewöhnlichen Leistung.

Mit Methoden zur Analyse großer Datenmengen hat er als Gründer und CEO sein Unternehmen SAS aus North Carolina zum weltgrößten nicht börsennotierten Softwarekonzern gemacht. Und das ganz unauffällig, ohne grelle Marketingauftritte. Seit 1976 wächst SAS kontinuierlich. Dem nicht genug, wurde das Unternehmen soeben wieder zu "the world’s happiest company" gekürt. SAS führt seit Jahren die Rankings in den Arbeitgeberbewertungen an.
Ein parkähnliches Firmengelände, freie Kinderbetreuung, tolles Kantinenservice, hoch flexible Arbeitszeiten. All das ist bei SAS selbstverständlich und macht noch nicht den großen Unterschied zu anderen Unternehmen aus. Vielmehr sind es Herrn Goodnights Management- und Leadershipansätze: extrem flache Hierarchie, enorme Gestaltungsfreiräume für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gepaart mit viel Vertrauen vonseiten der Firmenleitung bei gleichzeitig herausfordernden Aufgaben. »Once you hire someone and give them the tools to do the job, it’s best to just let them do it«, wird Herr Goodnight zitiert.1 Bemerkenswert auch die Beförderungspolitik: Diese basiert darauf, wie gut jemand die Arbeit anderer fördert und nicht wie gut er/sie sich selbst voranbringt. Zu Innovation hat Jim Goodnight eine klare Meinung: "You can’t force creativity, but you can create an environment that fosters creativity and innovation."2

Guter Schlaf durch Innovation

Die Jim-Goodnight-Story ist eine wunderbare Gute-Nacht-Geschichte für Managerinnen und Manager. Doch hilft sie Führungskräften auch wirklich dabei, guten Schlaf zu finden? Ist es nicht so, dass wohl nur pionierhafte Gründerinnen und Gründer diese idealen Rahmenbedingungen für ihre Unternehmen schaffen können? Was ist mit all den Führungskräften großer Konzerne und nicht eigentümergeführter Firmen? Selbstverständlich haben auch diese erkannt, wie wichtig Innovation für die Zukunftssicherung ihrer Unternehmen ist. Das bestätigt der aktuelle Hernstein Management Report3. Der überwiegende Teil der über 1.000 befragten Führungskräfte versteht Innovation als Führungsaufgabe und sieht Innovationskraft im hohen Maße durch Führung beeinflussbar. Gleichzeitig geben über zwei Drittel der Befragten an, für Innovation nicht ausreichend Zeit zu haben.

Zeitdiebe fassen

Wer stiehlt diese Zeit? Für das Gros der befragten Führungskräfte ist es das Tagesgeschäft und der damit einhergehende Stress. Managerinnen und Manager der mittleren Ebene sind operativ "gefangen", den Top-Managerinnen und Top-Managern fehlt aufgrund aktueller Agenden die Aufmerksamkeit für zukunftsgerichtete Themen. Etablierte Strukturen, festgefahrene Prozesse, Überregulierung und umfangreiche Reporting-Vorgaben tun ein Übriges.

Was aber, wenn sich eine Mitbewerberin oder ein Mitbewerber oder auch ein branchenfremdes Unternehmen Zeit für Innovation nimmt, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Freiräume und Vertrauen gibt, Teamwork und Vernetzung fördert, eine positive Fehlerkultur etabliert und Führungskräfte und Geschäftsführung vorbildlich handeln?3 Könnte dann eine hervorragende Idee, ein verändertes oder gar neues Business Model das Geschäftsmodell des eigenen Unternehmens in Gefahr bringen? Und wird die Wahrscheinlichkeit dafür aufgrund der immer schnelleren technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht immer größer? Dann sind die bisher durch das Tagesgeschäft gestressten Führungskräfte plötzlich mit dem Wegbrechen des Tagesgeschäfts konfrontiert – manchmal schleichend, oft aber auch ganz schnell.

Was das erst an Stress, Druck und (Existenz-)Angst auslöst, dafür muss man nur betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Führungskräfte fragen. Wären wir daher nicht alle gut beraten, die Jim-Goodnight-Story doch als Anregung zu nehmen und bestehende Strukturen, Prozesse, Managementpraktiken und vor allem die Unternehmens- und Führungskultur zu hinterfragen? Innovation bedeutet immer auch Investition, in Form von Zeit, Vertrauen, aber auch Geld. Und auch ein gewisses Risiko. Führungskräfte brauchen also Mut, Zuversicht und vor allem eine Portion Gelassenheit. Denn nur dann schlafen sie gut, wenn sie in die Zukunft ihrer Unternehmen investieren.

 

  1. Huffington Post "What we can learn from the man, who runs the world's happiest company",  29. 9. 2014
  2. Jim Goodnight auf Facebook, Eintrag vom 1.7.2014
  3.  Hernstein Management Report "Führung und Innovation"