Die Organi­sation der Zukunft: 20org20

5 Min. 27.04.2016 Mag. Stefan Doblhofer, MBA

Werden Organisationen in Zukunft nur mehr ganz anders denkbar sein als heute? Steht die Hierarchie vor dem Aus oder muss sie zumindest bald gehörig leisetreten? Seit einigen Monaten wird diese Diskussion im deutschen Sprachraum mit einer Ernsthaftigkeit und Intensität geführt, die neu ist, beunruhigend und erleichternd zugleich.

Führen unter neuen Bedingungen

Anstatt diese Debatte weiterzuführen, habe ich das Bild einer typischen größeren Organisation gezeichnet[1], wie sie in 4, 5 Jahren aussehen könnte: gleichzeitig schnell, agil und qualitätsgetrieben. Transparent nach außen und innen, sozial verantwortlich und integer. Mehrere Umstrukturierungen und die immer wieder angestoßene Suche nach dem neuen Paradigma haben Teile der Organisation umgestaltet und in Summe eine Patchwork-Organisation geschaffen.Verschiedene Organisationsmodelle und Führungsprinzipien koexistieren und überlappen sich. Sie schaffen dabei Widersprüche und Ungereimtheiten, spielen aber auch ihre Stärken aus: Traditionelles Management hält z. B. die Kosten im Produktionsbereich niedrig, während eine offene F&E-Community für immer neue Innovationsschübe sorgt etc.

Schauen Sie sich das an: hernstein.at/20org20. Was löst dieses Bild bei Ihnen aus? Was kennen Sie davon bereits, was halten Sie für überzogen? Was fehlt der 20org20?

Die 20org20 verbildlicht die Hypothese, dass wir in näherer Zukunft (noch?) nicht die Ablöse der traditionellen Pyramide durch ein neues Organisationsmodell erleben werden. Die intensive Suche danach wird sich aber in vielen Experimenten niederschlagen und im Ergebnis wird die typische größere Organisation von morgen ein Patchwork darstellen – widersprüchlich, aber voller Stärken.

Steigende Selbstverantwortung

Teil dieser Umgestaltung wird in manchen Fällen die Reduktion von Führungspositionen sein. Schon jetzt sehen wir einzelne Konzerne, die die untersten Führungsebenen durch eine Kombination von Themenverantwortung und internem Coaching zu ersetzen beginnen. In anderen Firmen bekommt Selbstorganisation erstmals eine echte Chance. Ist es tatsächlich denkbar, dass wir in Zukunft sehr viel weniger Management im Tagesgeschäft brauchen? Paradoxerweise erleben wir derzeit aber auch eine echte Renaissance des Mikromanagements von oben.

Strategiearbeit, Innovation und Change Management

Neben dem Tagesgeschäft steht die Kerntätigkeit des Managements: die strategische Lenkungsfunktion. Einen Teil davon finden wir im zweiten Teil unseres Bilds der 20org20 wieder. Schon heute sehen wir eine starke Aufweichung der bisher klar getrennten Arbeitsfelder Strategiearbeit, Innovation und Change Management. In der 20org20 sind die 3 zum StratInnoChange zusammengewachsen: Strategisch fährt die Firma – wo immer sie kann– auf Sicht. Wo sich eine Chance zeigt, ob durch eine Innovation oder durch einen Kundenimpuls, wird sie ergriffen. Auch wenn sie die Unternehmensstrategie ein Stück weit verschiebt. Der Purpose, die unternehmerische Sinnfrage, ist wichtiger geworden als eine langfristige strategische Positionierung. Change Management bleibt eine permanente Aufgabe. Zu groß ist die Gefahr, dass sich z. B. durch größere Erfolge individuelle Ansprüche, Prozesse oder Organisationsstrukturen wieder verhärten.
Wenn Sie das Bild der 20org20 betrachten, finden Sie auch Stress, Friktion und Frustration: Es handelt sich nicht um ein Idealbild. Ich vermute, dass uns manche bereits heute offensichtliche Widersprüche wie Technologie versus Schutz der Persönlichkeit etc. noch länger begleiten und neue Spannungen dazukommen werden. Die 20org20 stellt einen Schritt in die Zukunft von Organisationen dar, nicht ins Paradies. Manche der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 20org20 mögen ihre Organisation lieben, für andere mag der Unterschied zu heute noch kaum fühlbar geworden sein.

Vielleicht sehen Sie dies aber ganz anders? Am Seitenende von 20org20 finden Sie eine Kommentarfunktion. Ich freue mich, wenn wir sie als Vehikel nutzen, um das Gespräch über die Organisation der Zukunft mit eigenen „Bildern“ anzureichern.

[1] Das ist übertrieben. Gezeichnet hat in Wirklichkeit Lana Lauren, visolutions.at