Belastungsprobe Führungskraft: Was sie in ihrem Alltag belastet

5 Min. 10.11.2015 Mag. Irene Kari

Der Aufstieg in eine Führungsposition geht meist mit einem starken Erfolgs- und Zeitdruck, ständiger Erreichbarkeit und fehlendem Einklang von Freizeit und Job einher. Der Großteil der 1.500 für den aktuellen Hernstein Management Report befragten Führungskräfte in Österreich und Deutschland fühlt sich fremdgesteuert und hinsichtlich Work-Life-Balance so gar nicht ausgeglichen. Für 42 Prozent der Führungskräfte ist die Vereinbarkeit von Karriere und Privatleben unmöglich. Als Belastungsfaktor Nr. 1 gilt Zwischenmenschliches.

Wunschliste fürs Management

Wenn Führungskräfte einen Wunsch frei hätten, würden sie am liebsten etwas am „Zwischenmenschlichen“ ändern. 15 Prozent der Befragten menschelt es am Arbeitsplatz zu sehr: Sie sehen Konflikte am Arbeitsplatz, das Arbeitsklima und die Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten als veränderungswürdig. Konflikte sind programmiert, wenn nicht zwischen Rolle und Person getrennt wird.
Weiters auf der Wunschliste der Führungskräfte zu finden: 11 Prozent der Befragten würden sich gerne mit anderen Arbeitsinhalten befassen. 10 Prozente wollen etwas an der Organisationsstruktur im eigenen Unternehmen verändern. Das reicht von der eigenen Position bis hin zum Abbau von Bürokratie.

Bitte nicht stören, oder doch?

Nicht alles, was die Arbeit unterbricht, ist eine Pause. Unterbrechungen, Zeitdruck und mangelnde Pausen sind auch in den Führungsetagen ein großes Thema: 57 Prozent der Führungskräfte sprechen davon, dass sie die eigene Arbeit nicht ohne Unterbrechung erledigen können. Als nicht plan- und abschätzbar beschreiben 48 Prozent ihre eigene Arbeit.
Auch wenn sich der positive Einfluss von Pausenverhalten auf die Produktivität schon längst herumgesprochen hat, geben 44 Prozent mangelnde Pausenmöglichkeiten an. Stundenlanges, ununterbrochenes Arbeiten mag zwar heroisch klingen, bringt aber wenig. Der Rhythmus von 52 Minuten Arbeiten und 17 Minute Pause hat sich bei einer Erhebung der Produktivitäts-App DeskTime als die schöpferischste Arbeitsstruktur erwiesen. Das einfache Prinzip dahinter: Jede Anspannung braucht Entspannung, jede Anstrengung braucht eine entsprechende Regeneration, sonst zeigt die Leistungskurve schnell nach unten.

Auszeit als Karrierebremse?

Wenn die Belastungen zu stark zunehmen und es Zeit wird, auf die Bremse zu steigen und zurückzuschrauben: Welche Möglichkeiten bieten Unternehmen Führungskräften, um die Reißleine zu ziehen?

  • Die häufigste Verbreitung in Unternehmen haben Karenzangebote, die über das gesetzliche Maß hinausgehen (52 Prozent).
  • Teilzeitmöglichkeiten (49 Prozent) werden häufig angeboten, diese werden in überwiegendem Maße von Frauen genutzt: 23 Prozent versus 11 Prozent bei den Männern.
  • Einen Laufbahnwechsel, also einen Wechsel zwischen Führungs- und Expertenfunktion, gibt es in 46 Prozent der Unternehmen. Vor allem junge Führungskräfte bewegen sich zwischen den Funktionen hin und her.
  • In einem Viertel aller Unternehmen gibt es die Möglichkeit, sich in Form eines Sabbaticals für einen längeren Zeitraum aus dem Spiel zu nehmen. Weniger verbreitet ist Jobsharing.

Und was davon wird am häufigsten genutzt? Teilzeitmöglichkeiten (15 Prozent) und Karenzangebote (14 Prozent) liegen hier fast gleichauf. Insgesamt werden die Angebote von jeder dritten Führungskraft genutzt, interessanterweise nimmt die obere Führungsebene sie häufiger in Anspruch.

Egal ob Stundenreduktion, Jobsharing oder Sabbatical: Führungskräfte stehen bei diesen Themen unter besonderer Beobachtung. Gerne wird ihnen ein Motivationsknick unterstellt und die Leistungsfähigkeit oder die Lust am Arbeiten bezweifelt. Schade, denn mit etwas Abstand gelingt es, eine andere Perspektive auf Dinge zu entwickeln, und Rückkehrer fühlen sich nach ihrer Auszeit viel leistungsfähiger, erfrischter und nicht mehr so betriebsblind.

Über den Hernstein Management Report

Seit 17 Jahren erhebt der Hernstein Management Report ein Stimmungs- und Meinungsbild unter Führungskräften im deutschsprachigen Raum. Dazu wurden im Mai 2015 insgesamt 1.500 Führungskräfte sowie Unternehmenseigentümer und -eigentümerinnen (Österreich: 750 Personen, Deutschland: 750 Personen) befragt.

Zum Hernstein Management Report “Was Führungskräfte belastet”